Welche Verfahren akzeptieren Schlachter, Verarbeiter und LEH?   

Am 08.Oktober 2019 fand unter diesem Motto eine Fachtagung in Verden/Aller statt, an der wir – und rund 200 Teilnehmer aus unterschiedlichsten Branchen - teilgenommen haben.

Wie diejenigen die diese Rubrik regelmäßig verfolgen ja bereits wissen, ist die gesamte sogenannte „Wertschöpfungskette“ in das Thema Ferkelkastration einzubeziehen. Die Ferkelerzeuger, weil sie je nach Methode nicht mehr oder anders als bisher kastrieren müssen. Die Mäster, wenn als Methode die Impfung gewählt wird. Die Schlachthöfe, die das Fleisch abnehmen und den Landwirten faire Preise zahlen sollen. Die Verarbeiter, die wiederum das Fleisch von den Schlachthöfen bekommen. Der Lebensmitteleinzelhandel bzw. die Metzgereien, die Fleisch- und Wurstwaren anbieten und letztlich die Verbraucher, die es kaufen sollen.

Diese Kette ist insofern problematisch, als nicht jede Gruppe jede Methode akzeptiert, allerlei teils diffuse Befürchtungen herrschen und darüber hinaus auch die Preise mit oftmals fadenscheinigen Begründungen zu Lasten der Landwirte gehen. Deshalb gab es diese Fachtagung mit Referenten aus allen betroffenen Gruppen.

Zum Thema „Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration: drei Praktiker berichten über ihre Erfahrungen“ referierten drei Landwirte, die verschiedene Methoden anwenden. Der Ebermäster beklagte dabei die Tatsache, dass er für männliche Tiere deutlich weniger Geld als für weibliche bekommt. Der Landwirt, der auf Impfung umgestellt hat, konnte immerhin durch zähe Verhandlungen mit seinem Schlachter erreichen, dass er faire Preise erhält, denn normalerweise werden auch geimpfte Eber wie unkastrierte Tiere bezahlt. Ansonsten ist er mit dem Verfahren der Impfung sehr zufrieden. Der Neuland-Bauer dagegen wendet die Vollnarkose mit Isofluran an, obgleich diese mit hohen Anschaffungskosten, CO²-Ausstoß und vor allem starker Gesundheitsgefährdung verbunden ist.

Zum Thema „Schlachtindustrie – Welche Signale brauchen die Unternehmen von ihren Abnehmern?“ referierten Fachleute zweier großer Schlachtbetriebe. Sie stellten dar, dass insbesondere die Auslandskunden – allen voran China – kein Eberfleisch wollen. Es sei denn, diese sind nachweislich (also chirurgisch) kastriert worden. Da in Deutschland und der EU aber nur ein Teil des Schweins verwertet wird, Asien aber auch die Teile abnimmt, die hier niemand will (Ohren, Schwänze, Rüssel, Pfoten etc.) gibt es da schon das erste Problem, wenn die Schlachtbetriebe Eber oder geimpfte Eber verwerten wollen. Insgesamt sind die Wünsche und Vorgaben der verschiedenen Exportländer und Inlands-Käufer so unterschiedlich, dass die Schlachtbetriebe das Schwein in zig Variationen separat behandeln müssen. Da wollen sie nicht auch noch weitere Varianten dazu bekommen.

Zum Thema „Warum verhalten sich Fleischverarbeiter und Metzger weiter skeptisch?“  referierten ein Angestellter eines Fleischverarbeiters und ein Metzger. Der Fleischverarbeiter bevorzugt die Vollnarkose. Begründung: man hat Versuche gemacht mit Eberfleisch das minimal bis stark stinkt. Je nach Art der Verwertung (Wurst, Schinken, Schnitzel, Braten..) kann man den Geruch überdecken (maskieren) durch Raucharoma, Würze etc. Das wollen sie aber nicht. Bei Isofluran wäre für die Tiere Schmerzfreiheit gegeben und als Verarbeiter könne man sicher sein, keine „Stinker“ zu bekommen. Die gesundheitlichen und kostenbedingten Nachteile ließ er wohlweislich außer acht, denn die treffen ja nur die Ferkelzüchter, nicht die Verarbeiter...  

Der Metzger sah das genauso. Maskierung sei für ihn Verbrauchertäuschung und könnte negative Publicity auslösen. Und ein Käufer der Stinkerfleisch erworben hätte (was man erst bei Erhitzen des Fleisches bemerkt) würde nie wiederkommen. Die Kundschaft bei Metzgern sei nunmal eine andere als die im Supermarkt.

Zum Thema „Welches Fleisch kaufen Rewe, Aldi und Co. in Zukunft?“ gab es ein klares Statement von Rewe: Seit 2017 ist es deren Ziel, kein Fleisch betäubungslos kastrierter Tiere zu vermarkten. Das funktioniert noch nicht ganz, da die betäubungslose Kastration ja noch erlaubt und durch die meisten Landwirte daher umgesetzt wird, aber man habe schon lange (und mit sehr guten Erfahrungen) auch Produkte aus geimpften Tieren im Programm. Grundsätzlich akzeptiere man alle Methoden und möchte nun endlich das Ziel, dass es keine betäubungslos kastrierten Ferkel mehr gibt, umgesetzt sehen. Für den Käufer sei die Methode auch gar nicht so ausschlaggebend: für den sei wichtig, dass es lecker und bezahlbar ist, keinerlei Gesundheitsgefährdung bestehe und es den Tieren vor der Schlachtung möglichst gut gehe.   Die Vertreterin von Aldi schloss sich diesem Statement im Wesentlichen an.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wurde sehr engagiert diskutiert:

  • Die Ferkelerzeuger müssen unterstützt werden, denn wenn immer mehr Bauern aus der Schweineproduktion aussteigen, werden wir irgendwann nur noch Tiere aus dem Ausland beziehen können und haben da überhaupt keinen Einfluss auf Tierschutz oder Kastrationsmethoden.
  • Der Einzelhandel aber auch die Fleischverwerter und Schlachthöfe müssen klare Vorgaben machen, damit die Landwirte diese in der Praxis umsetzen können. Der Handel macht unter Berücksichtigung der Verbraucherwünsche die Vorgaben, Qualität soll den Ausschlag geben.
  • Herkunftskennzeichnung Deutschland ist wichtig. Rewe unterstützt dies bereits durch seine Regionalfleischprogramme.
  • Europäisches Ordnungsrecht erforderlich
  • Die Landwirte wollen ein klares Statement abgeben: „Wir hören auf, betäubungslos zu kastrieren“. Dafür ist aber notwendig, dass es gleiche und faire Preise für alle Tiere gibt (Eber, Kastraten, Sauen) die aber auch den Verbraucher berücksichtigen.
  • Die Schlachtbetriebe müssen diesbezüglich in die Pflicht genommen werden.
  • Wenn Aldi und Rewe ihrer heutigen Aussage entsprechend handeln, werden die anderen Supermarktkonzerne mitziehen.

Einer der sehr engagierten Landwirte fasste zusammen: „Alle maßgeblichen Teilnehmer der Wertschöpfungskette zeigen sich hier offen und bereitwillig. Dann reden wir doch nicht länger herum, sondern machen es endlich!“  Spontan hatte er während der Diskussion Punkte für eine „Branchenvereinbarung“ notiert, die er den Vertretern der Schlachtbetriebe, der Supermärkte und des Deutschen Tierschutzbunds mitgab. Deren juristische Abteilungen sind nun aufgefordert, daraus eine tragfähige Vereinba­rung zu machen, die von allen unterzeichnet werden kann.

Sobald wir wissen, wie es damit weitergeht, finden Sie die Informationen hier.